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Mai
02

Varanasi – Indien für Fortgeschrittene

…haben wir uns jemals über schlechte Straßenverhältnisse hier oder dort beschwert?? Ja? Dann würden wir dies gerne auf der Stelle zurücknehmen. JETZT erst wissen wir, was eine katastrophale Straße ist!!! Unser Weg von Gorakhpur nach Varanasi war der reinste Horror. Wir hatten keine Zugtickets mehr bekommen und so mussten wir einen normalen Bus nehmen. Alle hatten uns zwar vorgewarnt, aber was sollten wir machen? Jedenfalls war es eine 8-stündige Fahrt, die uns bis aufs letzte gefordert hat. Immer mal wieder mussten sich Leute übergeben und kotzten aus dem fahrenden Bus hinaus. Auch schön für diejenigen, die sich gerade auf der Straße befinden! Besonders Kinder hatten zu leiden, für sie war es wahrscheinlich eine noch größere Herausforderung! Wir passierten viele Dörfer und konnten uns das indische Leben anschauen. Es wirkte auf uns wie eine sehr männerdominierte Gesellschaft, Frauen waren kaum zu sehen. Auch im Bus wurden sie teilweise von den Männern vom Platz verdrängt! Und auf der anderen Seite machte man auch extra Platz für Frauen…wer soll da noch durchblicken?? Es wunderte uns, viele Frauen völlig vermummt zu sehen und auch in Burkas. Der moslemische Anteil in Indien scheint doch größer zu sein als gedacht…Als wir den Ganges passierten, beteten viele Leute oder warfen Geld aus dem fahrenden Bus hinaus. Das übliche Bild waren Menschen, die auf der Straße Dinge verkauften, staubige Umgebung, schäbige Baracken, viel Müll überall, Kühe, Affen und sogar einen Elefanten sahen wir, dann widerum prachtvoll gekleidete Frauen in ihren leuchtenden Gewändern. Die Armut ist dem Land anzusehen – das Gefühl schlich sich ein, dass die Menschen hier leben um zu überleben.

Wir kamen tatsächlich irgendwann an – halb verdurstet. Nicht viel trinken, um nicht auf die Toilette zu müssen – das war die Strategie, wahrscheinlich nicht die Schlaueste…ja, wir kamen an. In Varanasi. Die Leute sagen, dass dieser Ort, Indien für Fortgeschrittene sei. Nichts für Zartbesaitete. Wir waren gespannt. Varanasi ist eine der ältesten bewohnten Städte der Welt…Das ständige Ansprechen und hinterherlaufen hatten wir so akzeptiert, dieses Anstarren war weiterhin sehr krass. Ich bin froh, dass wir zu zweit hier sind – ich denke für alleinreisende Frauen könnte die ein oder andere Situation auch einmal bedrohlich wirken. Eine interessante Reaktion war, wenn Damian zurückstarrte, dass die jeweiligen Menschen dann anfingen zu lächeln und dann wegschauten. Spannend…

Wir hatten viele Geschichten gehört von anderen Reisenden – von den „Schleppern“, die versuchen die Touristen in eine bestimmte Unterkunft zu bringen, um dann eine saftige Kommission zu kassieren. Oder die einen absichtlich zum falschen Ort bringen. Oder die einen verfolgen und dann so tun, als hätten sie einen zur Unterkunft gebracht und dann auch kassieren. Die überhöhten Preise werden dann natürlich an die Touristen weitergegeben…Wir suchten den Bahnhof auf, weil wir gelesen hatten, dass es hier eine Touristenauskunft gibt, die uns bei der Unterkunftssuche helfen könnte. Die Bahnhofshalle war ein reiner Hürdenlauf, überall sassen und lagen Menschen auf dem Boden. Ein totales Chaos…Das alles mit unserem gesamten Gepäck auf dem Rücken und bei über 40 Grad Celsius…wir waren wirklich geschafft! Der Rest ging wirklich gut – uns wurde eine Unterkunft empfohlen – mit Klimaanlage und warmen Wasser – ein richtiger Luxus hier. Wir fuhren mit dem Tuk Tuk hin und waren sehr froh, eine kurze Verschnaufpause zu haben..Gut gelegen, ganz in der Nähe des Ganges mit seinen unterschiedlichen Ghats. Ghats sind die Treppen am Ufer des Ganges, des von den Hindus als Göttin Ganga verehrten heiligen Flusses. Nach hinduistischer Vorstellung gilt es als besonders verdienstvoll, wenigstens einmal im Leben die heilige Stadt Varanasi zu besuchen. Ein Bad im heiligen Fluss soll von Sünden reinwaschen. Varanasi ist der Ort, an welchem Shiva die Bitten der Gläubigen hört, das religiöse Zentrum aller Hindus. Er ist einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Indiens.

Hier nun waren wir also, mittendrin. So erblickten wir den heiligen Fluss. Ein wirklich intensiver Moment. Nun waren wir in Indien, dieses Gefühl verbreitete sich. Überall gläubige Hindus, fremde Klänge, badende Menschen, die sich von ihren Sünden befreiten, Verbrennungszeremonien der Verstorbenen. Ein ungewöhnlicher Ort, Hindus aus dem ganzen Land kommen hierher, um zu sterben. So entkommt man dem Rad der Wiedergeburt, heißt es. Hierfür gibt es drei Ghats. In den anderen Ghats wird gebadet, gebeten und gewaschen. Was für ein Kontrast. Leben und Tod so nah beieinander. Wir machten eine Bootstour auf dem Ganges, auf einem kleinen Holzböötchen, um einen Überblick von der Flussseite aus zu bekommen. Und so sahen wir all diese Szenarien nebeneinander vor sich gehen. Etwa 100 Ghats reihen sich nebeneinander auf einer Strecke von 5 km – jedes dient einem anderen Zweck. Das Daswamedh Ghat ist Schauplatz des täglichen Abendrituals, welches wir hautnah mitbekamen. Zum Rhythmus unaufhörlich gesungener Chants und Glockengeläut werden bestimmte symbolische Handlungen von den sogenannten Brahmas durchgeführt. Die Hindus sitzen auf den Stufen und schauen dem Spektakel zu, klatschen und führen Gebete durch. Das passiert JEDEN abend!! Für uns ein faszinierendes, wenn auch sehr fremdes Schauspiel. Ja, das ist wohl Indien.

Am abend wollten wir nur noch schnell in unser Zimmer und ein wenig Ruhe…Etwas essbares haben wir auch gefunden, mal schauen, was unsere Mägen dazu sagen…Der Strom ist leider ständig weg und vor unserem Fenster haben wir lautstarke Live-Unterhaltung bestehend aus Chants und Trommeln…hoffentlich geht das nicht die ganze Nacht so…Es ging die ganze Nacht so, aber wir waren zu müde, damit es uns stören könnte…Am nächsten Morgen hatte sich eine leichte Trägheit eingeschlichen, und trotzdem siegte wieder einmal die Neugierde auf das was Indien zu bieten hatte. So gaben wir uns der Hitze hin, die hier bereits am Vormittag fast nicht auszuhalten war.

Wir nahmen eine Fahrradrikscha und fuhren zum Durga Temple. Wieder ein für uns außergewöhnlicher Ort, viele praktizierende Hindus, die ihre Traditionen pflegen. So werden Glocken geläutet, Mantras gesprochen und bestimmte Bewegungsabläufe durchgeführt. Schwer für uns, das alles nachzuvollziehen. Wenn man bedenkt, dass der Hinduismus die älteste praktizierende Religion der Welt ist und wir das Privileg haben, hautnah dabei zu sein, ist es schon ein intensives Gefühl. Im nächsten Tempel, dem Shiva Tempel begegnete uns ähnliches. Die Menschen, die uns sahen begegneten uns fast immer mit einem Lächeln. Als wir uns kurz im Tempel hinsetzten, um die kühle Umgebung auszukosten und die Atmosphäre auf uns wirken zu lassen, setzte sich ein junger Inder zu uns. Wir begannen miteinander zu sprechen (auch wenn wir ihn nur schwer verstanden), wieder eine schöne Begegnung, unheimlich gesprächig und angenehm neugierig. Er erzählte uns stolz, dass er zur höchsten Kaste gehöre und bald seine Ausbildung zum Polizisten beginnt. Das passiert uns hier eigentlich sehr oft. Abgesehen davon, wenn man uns etwas verkaufen will: es setzen sich einfach Leute, Kinder und Erwachsene zu uns, reden ein wenig und gehen dann wieder. Eine schöne Offenheit. Vor dem Tempel gönnten wir uns einen Lassie, en wirklich leckeres Getränk, frisch zubereitet. Mal gucken, was unsere Mägen dazu sagen…

Wir legten eine kurze Pause im Hotel ein, um wieder zu Kräften zu kommen und liefen dann wieder zu den Ghats am Ganges…hier hatten wir auch viele interessante Begegnungen. Beispielsweise sprach uns ein Junge an, max. 10 Jahre alt und liess seine besten Anmanchsprüche vom Stapel: „You have eyes like paradise“ oder „You are like a flower. Your father must be gardener“. Gut gerüstet der junge Mann! Wo hat er die Sprüche wohl her? Www.anmachsprueche.de? Wir mussten wirklich lachen. Ein anderer, der uns zum Boot fahren überreden wollte, sagte nur, dass er Tag und Nacht hier sei – 21 Stunden am Tag. Klar, er muss ja wohl auch schlafen…Wieder ein anderer bot uns Haschisch und Opium an. Und jetzt kommt’s: Er sagte, sein Shop ist ein Government-Shop! Jawohl, wenn das wohl kein Argument ist :-) .

Wir müssen sagen, dass der Ganges nicht so dreckig ist, wie wir uns ihn vorgestellt haben. In Kathmandu war der Fluss viel schlimmer. Aber man sagt, man solle sich nicht etwa von den Leichenteilen abschrecken lassen, von den Verstorbenen, die sich eine Verbrennung nicht leisten können und so in den Fluss geworfen werden oder vom Dreck. Viel schlimmer seien die Schwermetallabfälle, die von den Fabriken direkt ins Wasser gepumpt werden. Ok, auf ein heiliges Bad verzichten wir dankend…Ein wenig ekelig ist der rote Kautabak, den die meisten Inder kauen. Der gesamte Mund und die Zähne sehen blutig aus und dann spucken sie die Reste ohne Vorwarnung auf die Straße. Überall sind rote Flecken auf der Erde zu sehen. Und wenn sie uns ansprechen ist der Anblick nicht unbedingt hübsch mit dem „blutigen“ Mund. Am Abend schauten wir uns nochmals die Zeremonie am Fluss an und wurden, gegen eine kleine Spende, mit einem roten Punkt auf der Stirn gesegnet. Sehr gut…Tja, was sollen wir sagen zu unserem ersten Eindruck in Indien? Ein exotischer Ort mit einem brodelnden Tagesrhythmus. Faszinierend und abschreckend zugleich. Man muss sich freimachen von allem, was man gewöhnt ist, von jeglichem Standraddenken und sich treiben lassen. Dann nimmt man wahrscheinlich am meisten für sich mit. Das Gefühl vom ersten Tag, das wir weg wollen, hat sich gelegt, wir sind bereit für die nächsten Abenteuer in Indien!!

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